Donnerstag, 27. Januar 2011
Interview: Gerard Damiano (1993)


SI: Wann sind Sie geboren worden?

GD: 1928, in New York City.

SI: Wollten Sie schon immer Filmregisseur werden oder war es mehr Zufall?

GD: Nun, es war wohl teilweise ein Zufall. Ich war früher mal Friseur. Dann sattelte ich um auf Buchprüfung und arbeitete bei einem alten Regisseur, der von Hollywood nach NYC gekommen war. Er hat eine Wochenschau gemacht, "March of Time", sehr lange her. Sein Plan war es, in New York ein Low-Budget-Remake von "The Fall of the House of Usher" zu machen. Jedesmal wenn er etwas Geld hatte, drehte er wieder ein bißchen, und jeder in New York City, der Lust hatte, für lau beim Film tätig zu sein, schaute vorbei und machte dies oder jenes. Es war ein unabhängiger Film. Ich dachte mir, das könnte spaßig sein, also meldete ich mich freiwillig. Als ich dann das erstemal am Set war, sah, wie Filme entstehen, war das so etwas wie Liebe auf den ersten Blick! Ich traf dort eine Menge junger Filmemacher, die keinen Job hatten. Man mußte in der Gewerkschaft sein, um einen Job zu haben. Aber sie sahen eine Chance in der Herstellung von Independent-Filmen. Wir waren Freunde und erzählten uns, wo es was zu tun gab. Aber Geld... Ich glaube, ich habe mal 2 oder 3 Jahre gearbeitet, ohne einen einzigen Lohnscheck zu bekommen...

SI: Bitter.

GD: Sie sagen es. Aber ich hatte Gelegenheit, zu lernen, was auch nicht zu verachten ist. Ich bin dann noch zur Abendschule gegangen, habe ein paar Kurse an der Schule für Visuelle Künste in New York belegt. Schnitttechnik und so fort.

SI: Wer war der alte Regisseur?

GD: Daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

SI: Ihr erster Film war doch "We All Go Down"...

GD: Unglaublich, daß Sie den noch kennen! Es ist schon immer ein ziemlich obskurer Film gewesen...Ich wußte gar nicht, daß damit irgend etwas passiert ist. Na ja, das war eben so ein typischer Fall. Die Filmemacher in NYC waren ein verschworener kleiner Haufen. Wir wollten uns den Film für den Durchbruch zusammenbasteln, und mit der Hilfe von einigen Finanziers gelang es mir, so etwa 10.000 Dollar aufzutreiben. Irgendjemand anders hatte das Ding geschrieben und sollte es auch inszenieren, ich war nur als Produzent eingeplant! Nach 5 oder 6 Tagen ging uns die Knete aus, und wir standen da mit absolut nichts in der Hand. Eine Menge belichtetes Material, aber nichts, was man als einen Film bezeichnen könnte...Das war sehr lustig. Jeder sagte "Gute Nacht" und ging seiner Wege, und ich saß da mit 10.000 Dollar Schulden! Deswegen nahm ich den Haufen Schrott, ging damit zu einem Freund, der eine Schneidewerkstatt besaß und versuchte, etwas Brauchbares daraus herzustellen. Ich arbeitete immer nach 5 Uhr nachmittags, nachdem mein Freund dichtgemacht hatte. Als erstes mußte er mir zeigen, wie man die verdammte Kiste überhaupt einschaltet!

SI: Der Schnitt wird in den Credits einem "Jerry Gerard" zugeschrieben...

GD: Ja, das war mein Deckname in jener Zeit. Ich dachte, ich müßte mir einen zugkräftigeren Namen zulegen, wenn ich mit Hollywood in Wettbewerb treten wollte. Nach "Deep Throat" fragte mich dann irgend jemand, ob ich mich für den Film schämen würde, daß ich nicht meinen richtigen Namen benutzte, und da drehte ich nur noch als Damiano.

SI: Also sind nur Teile des Films wirklich von Ihnen?

GD: Ja. Wir hatten keinen Film! Was wir hatten, war ein Anfang, ein klein wenig Mitte und sicherlich kein Ende. Ich habe noch etwas Geld aufgetrieben, habe Szenen nachgedreht und den Titel geändert. Der Film sollte mal "Night of the Rain" heißen... Da war eine Szene, die wir in einer Bar gemacht haben, mit zwei Nackttänzerinnen. Daß es Nackttänzerinnen waren, war nur der Tatsache zuzuschreiben, daß wir zwei Tänzerinnen hatten, aber nur ein Kostüm!

SI: Das waren wohl hauptsächlich Amateure, die an dem Film gearbeitet haben?

GD: Nun, die meisten in der Crew waren Amateure. Einige kamen gerade von der Filmschule. Andere waren schon kommerziell tätig gewesen, aber... Es war damals sehr einfach, eine Filmcrew auf die Beine zu stellen. Jeder wollte mitmachen, und wenn es nur darum ging, Kulissen durch die Gegend zu schieben, man war beim Film... Das ging 20 Stunden am Tag; wenn man Geld bekam, prima, wenn nicht, auch gut! Ich erinnere mich, daß ich zu dieser Zeit einen wunderschönen Cadillac gehabt habe. Damit habe ich jeden durch die Gegend gekurvt. Es war unser Auto für alles. Ich habe sogar den Lunch geholt und habe nie einen Pfennig gesehen. Das war "working for nothing"! Der kostenlose Lunch hat den Leuten genügt... Es war einmalig... Es waren nur Leute dabei, die das Medium Film liebten, die dabei sein wollten. Kein Gewerkschaftsmist wie in den alten Zeiten... Das fertige Produkt habe ich dann einigen Leuten von einer sogenannten Exploitation-Filmgesellschaft vorgeführt, die den Film mochten! Sie gaben mir 4.000 Dollar Vorschuß - das war für mich unglaublich, daß ich allen Ernstes Geld für einen Film zurückbekam, eine Sensation! Ich sollte dann auch noch prozentual an den Einnahmen beteiligt werden, aber die 4.000 waren natürlich das letzte Geld, das ich jemals für den Film gesehen habe! (herzhaftes Gelächter) Es gibt also noch eine Menge Leute in New York, die nicht mehr mit mir reden, weil sie damals ihr Geld verloren haben...

SI: Was stammte alles von Ihnen?

GD: Alles, was mit Sex zu tun hatte, war natürlich von mir. Die Szene im Waschraum mit der Nadel im Arm. Und die Alptraumszene! Wir haben die Doppelbelichtung mit dem nackten Männerkörper und der Vagina direkt in der Kamera gemacht! Erste Aufnahme - per Hand zurückkurbeln - zweite Aufnahme! Wir waren so professionell... Es gab eine Sequenz, in der eine Darstellerin auf einem Typen "reitet", und wir wollten eine subjektive Einstellung, aus der Sicht des Typen. Er hat die ganze 80-Kilo-Kamera auf die Brust genommen, ohne zu murren! Es war einfach riesig.

SI: Und dieser ganze Spaß - verschwand der, als Sie anfingen, Hardcore zu machen?

GD: Nicht doch, das war sogar besser! "Deep Throat" - das war die beste Sache, die mir jemals passiert ist! Wir konnten es uns leisten, in Farbe zu drehen, wir haben für unsere Arbeit richtiges Geld gesehen, nicht sehr viel, aber immerhin. Wir konnten uns leisten, zu expandieren. Ich war so ziemlich der einzige, der meinte, er habe einen aufregenden Film an der Hand. Ich wurde gefragt, was soll das denn für ein Film sein, "Deep Throat", ein Arztfilm? Ich sagte nur, ihr werdet es schon erleben...Natürlich war nicht annähernd zu erwarten, daß der Film so ein Riesenerfolg werden würde; nicht einmal ich habe das erwartet... Es war toll, mit den Leuten zu arbeiten, mit Linda... Ich meine, stellen Sie sich vor, in 35 mm Farbe, mit 22.000 Dollar im Rücken, das war...majestätisch. Wir haben die gesamte Crew von New York City nach Miami gebracht. Sie sind per Anhalter gefahren, ein paar sind zu fünft oder zu sechst im Wagen gekommen, haben in ihren Autos übernachtet... unfaßbar! Es war einfach das Größte, das jemals geschehen ist! Die Welt wußte nicht, was wir da machten, die Produzenten wußten es nicht, der Vertrieb wußte es nicht... Wir konnten machen, was wir wollten. Als ich "The Devil in Miss Jones" machte, fand mein Produzent den Titel unmöglich. "Kein Film mit dem Wort `Devil' im Titel ist jemals erfolgreich gewesen." Zur der Zeit war eine afrikanische Tanzgruppe in der Gegend, sie nannte sich "Africanus Sexualis", und er wollte, daß der Film genauso heißt...

SI: Grusel!

GD: Jede Menge kostenlose Werbung, so was. Aber ich wollte nicht, und ich kam damit durch! Versuch das heute mal. Wenn du nicht deine eigenen Filme über die eigene Vertriebskette in den eigenen Kinos verwurstest, hast du verspielt! Dir wird die gesamte Crew diktiert, Cutter, Kameraleute, Darsteller. Die Leute, die das Geld haben, haben die Macht. Sie sind nur an Geld interessiert, wie Gebrauchtwagenverkäufer. Sex ist vollkommen zweitrangig, einfach schrecklich. In den letzten Jahren, in denen ich auf Video gedreht habe, bin ich immer wieder an Produzenten geraten, die die Filme, die ich für sie gedreht hatte, überhaupt nicht gesehen haben. Sie erzählten mir nur immer wieder, wie toll das Boxcover gewesen ist... Zugkräftiger Titel, gutes Cover. Das ist der Grund, weswegen ich nur noch sehr selten arbeite.

SI: Einer der großen Pluspunkte an dem Film ist, denke ich, Linda Lovelaces sehr enthusiastische Darstellung...

GD: Sie war wunderbar, ganz einfach wunderbar...

SI: In ihrem Buch klang das aber etwas anders...

GD: Man kann es schwer in Worte fassen, man muß einfach dagewesen sein. Sie hatte ein Problem mit dem Film, das stimmt, aber es ist genau andersherum anzusiedeln, als es die meisten Leute interpretieren. Einige Leute denken, ich hätte ihr eine Kanone an den Kopf gehalten! Das erstemal habe ich darüber herzhaft gelacht. Ich habe mir das Buch durchgelesen. Darin steht, ich wäre Cecil B. DeMille, sie liebte mich, war happy usw. Sie hat mich überhaupt nicht beschuldigt. Nein, das einzige Problem, das Linda am Set hatte, war, daß sie ziemlich viel übrig hatte für den männlichen Star des Films, Harry Reems, und ihr Ehemann, Chuck Traynor, war schlicht und ergreifend mörderisch eifersüchtig. Sie haben sich gestritten wie die Hölle. Sie kam einmal zu mir, tränenüberströmt, und erzählte mir, sie könne die "Deep Throat"-Szenen nicht machen, weil Chuck so eifersüchtig ist, daß er an die Decke geht, wenn sie nur ein bißchen Spaß hätte. Da haben wir ihn einfach wegschickt, wenn wir die Szenen gedreht haben - er war Mitglied der Crew -, und damit hatte es sich. Das war das einzige Problem, das wir hatten. Sie war etwas zu glücklich.

SI: Hatten Sie jemals Schwierigkeiten mit den Hütern von Recht und Ordnung?

GD: Nur später. Wissen Sie, die USA sind aufgebaut auf der Prämisse von Freiheit. Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit, Freiheit, Freiheit, Freiheit. Aber wenn du etwas machst, was den obwaltenden Kräften nicht behagt, dann versuchen sie alles in ihrer Macht Stehende, um dich zu stoppen! Man versucht, die Freiheit des Ausdrucks irgendwie auszuhöhlen. Es gab schon immer diesen Konflikt zwischen Kunst und Gesetz. In anderen Ländern wird einem das Prinzip der Freiheit nicht so um die Ohren geschlagen; dafür ist absolut klar, was du tun darfst und was nicht. Leute sind festgenommen worden, Material konfisziert worden aus den fadenscheinigsten Gründen! Wenn man einen Film macht mit einer 25jährigen Darstellerin und im Titel ist das Wort "Teenage" enthalten, bist du dran. Obwohl es nur ein Film ist! Wenn ein Darsteller mit einer Darstellerin schläft, und sie spielen im Film Vater und Tochter, werden alle verhaftet! Das ist lächerlich... Du kannst so viel Gewalt in deinen Film packen, wie dir beliebt, aber wenn zwei Erwachsene sich lieben, ist der Ofen aus. Aber so ist das eben.

SI: In manchen Ihrer Filme verwenden Sie komplexe Plots, behandeln Sie sogar philosophische Grundfragen, was Sie von den meisten Ihrer Kollegen unterscheidet.

GD: Nun, ich bin in einer katholischen Umgebung großgeworden. An irgendeinem Punkt meines Lebens ist mir dann aufgegangen, daß viele der Sachen - nicht alle, aber viele! -, die uns beigebracht worden waren, einfach nicht stimmten, da sie die Menschen dazu brachten, sich schuldig und schlecht zu fühlen wegen der naheliegendsten Gefühle, zu denen Menschen fähig sind. Das hat mich sehr beschäftigt. Als ich dann anfing, Filme zu machen, war das einzige, was sich leicht absetzen ließ, Sex. Mit "Lawrence von Arabien" hätte ich beim besten Willen nicht konkurrieren können. Alles, was ich machen konnte, war, die dummen Klischees aus Sexfilmen zu vermeiden, die überall produziert wurden. Ich habe meine Sachen selber geschrieben, ich wollte es besser machen. Um einen guten Film zu machen, einen guten Sexfilm dazu, mußte ich mich mit dem "schuldigen" Thema befassen. Ich konnte es nicht vermeiden. Heutzutage sind die Probleme nicht so groß: Zwei Leute in einem Zimmer, ein Kameramann, es wird gepoppt, sagt mir, wenn's vorbei ist... Man tut alles, um die eigene Sexualität zu verbergen! Niemand setzt sich mehr neben die Schauspieler und spricht mit ihnen, um sie zu motivieren. Ich möchte nicht, daß sich meine Schauspieler ungemütlich fühlen. Wenn ihr das nicht wollt, versuchen wir halt was anderes. Auch versuche ich, die Darsteller selber ihren Wünschen freien Lauf zu lassen. Ich könnte es mir nicht anders vorstellen. Ich habe mich selber und meine Arbeit als Filmemacher immer sehr ernst genommen.

SI: Man sieht das besonders in "Miss Jones" oder "Memories Within Miss Aggie"..

GD: "Miss Aggie"... Alle Pornos, die man zu sehen bekommt, versuchen, so viele Sexszenen wie nur irgend möglich in den Film zu packen. "Miss Aggie" hatte insgesamt 3 Sexszenen! Das wurde durch den Aufbau des Filmes diktiert. Ich wollte die Entwicklung des Charakters der Frau darstellen. Es hat sehr viel Spaß gemacht, den Film zu machen.

SI: Es erscheint sehr gegen die Porno-Konventionen, einen Film zu machen, der mit einem Selbstmord beginnt oder aufhört, oder der so ein grausiges Ende hat wie "Miss Aggie". Hat es Ihnen Spaß gemacht, diese Konventionen zu brechen?

GD: Entschieden. Das ist etwas, was man jetzt nicht mehr machen kann. Für mich war es kein pornographischer Film, den ich da machte. Ich machte einen Film über eine Frau, die ihr ganzes Leben lang einsam gewesen ist und die sich ihr ganzes Leben zusammengeträumt hat. Als ein Mann die Grenze zu ihrer Traumwelt zu überschreiten droht, bringt sie ihn um. Das war für mich ganz und gar kein Pornofilm!

SI: Sie haben schon aus der Sicht des Regisseurs über den Wechsel der Herangehensweise an solche Filme erzählt. Wie war es denn mit den Schauspielern?

GD: Unsere Industrie entstand vor dem Hintergrund der "Flower Power"-Zeit. Die Menschen experimentierten zu der Zeit sehr viel. Glücklicherweise hatten wir damals sehr viele, die zu Sex vor der Kamera bereit waren, nicht nur, weil sie Schauspieler sein wollten, sondern schlicht, um es zu machen. Später entwickelte sich das fast zu einer modischen Form des Ausdrucks: "Übrigens, ich habe mal in einem Porno mitgemacht..." Es gab viele Musicals - Broadway und Off-Broadway -, bei denen Menschen nackt auf der Bühne standen. In einem davon sollte übrigens Georgina Spelvin die Hauptrolle spielen, aber sie bekam Lampenfieber, traute nicht ganz ihrer Fähigkeit zu singen, tanzen und pfeifen, obwohl ich meine, daß sie toll gewesen wäre!

SI: Zwischendurch haben Sie mal einen Horrorfilm gemacht, "Legacy of Satan".

GD: Das war mein erster Flop! Es war der Grund, weswegen ich die Gesellschaft wechseln mußte... "Deep Throat" war gerade durch, ich hatte ein gewisses Renomee und wollte gerne einen Horrorfilm machen. Ich habe oben in Tarrytown, NY, ein Schloß aufgetan, etwa zweieinhalb Stunden außerhalb. Das Problem war: Um Geld zu sparen, erwartete der Produzent von jedem Beteiligten, zu Hause in NYC zu übernachten. Das resultierte jeden Tag in einer gewaltigen Aktion, und bis dann alles fertig zum Drehen war, war es bereits 4 Uhr nachmittags! Wir haben dann abends gedreht, aber...alles versuchte dann wieder nach Hause zu kommen, es war ein Desaster. Nach 2 Tagen wurde ich gefeuert, irgendjemand anders wurde eingestellt, wurde aber auch gefeuert, und am Schluß saß ich wieder auf dem Stuhl. Wir drehten den Rest in New York City.

SI: Gefällt Ihnen das Resultat?

GD: Nein, überhaupt nicht. Es gab zu viele Kompromisse, es wurde viel herumgepfuscht. Außerdem waren die Spezialeffekte miserabel. Der Selbstmord in "Miss Jones" funktioniert, finde ich, viel besser...

SI: Einige ihrer Filme aus der darauf folgenden Periode, wie "Story of Joanna", sind von recht herbem Zuschnitt. Hatten Sie damals entsprechende Vorlieben oder versuchten Sie, damit den Marktinteressen Tribut zu zollen?

GD: Hmm... Also, ob es sich um eine direkte Vorliebe gehandelt hat, vermag ich nicht zu sagen, aber es wäre nicht so, daß es mich abgetörnt hätte. Ich sage mir immer, es ist eine ganze Welt da draußen, ich will versuchen, so viele Gebiete abzudecken, wie ich mir vorstellen kann. Ich wollte mich nicht wiederholen. Es gibt in dem Film sogar eine homosexuelle Szene. Die Leute haben gefragt: "Was machst du da? Was soll das?" Warum nicht? Wenn man nichts dagegen hat, zwei Frauen dabei zuzusehen, warum nicht zwei Männern? Ich fand das lustig, die Darsteller hatten nichts dagegen. Why not? Auch die Sequenz mit der klassischen Musik - die Hauptdarstellerin, Terri Hall, konnte Ballett tanzen, also haben wir eine Ballettszene gemacht! Why not? Das war das aufregende an dem Projekt, alles wurde an Ort und Stelle ausgeheckt. Aus diesem Grund ist es einer meiner Favoriten. Wir haben allein einen Tag an der Szene gedreht, in der sie die Wendeltreppe runterkommt. Heutzutage drehen sie einen ganzen Film pro Tag! Als der Butler ihr die Haare abschneidet, ist das nicht etwa eine Perücke, sondern ihr echtes Haar! Terri hat sich davor gegruselt, aber wir hatten einen Friseur am Set, der alles neugestylt hat, was noch übrig war...(Gelächter) Ich hatte Schwierigkeiten, Zebedy Colt zu überreden, die Szene zu drehen. Er sagte nur immer wieder: "Ich kann es nicht machen, ich kann das schöne Mädchen nicht so verschandeln, es geht nicht!" Die Tränen in seinen Augen in dieser Szene sind übrigens echt. Der Friseur war danach sogar ganz zufrieden mit ihrem Haarschnitt... Der Kameramann war auch sehr gut, Joao Fernandes. Er fotografiert mittlerweile Hollywood-Großproduktionen, z.B. so ziemlich alle Chuck-Norris-Filme. Er hat bei uns sehr gute Arbeit geleistet. Tatsächlich hat er Szenen aus meinem Film benutzt, um in Hollywood Fuß zu fassen. Natürlich kein Hardcore.

SI: Der Film erinnerte mich ein wenig an Radley Metzger. Kennen Sie den?

GD: Oh ja. Nicht besonders gut, aber... Er benutzte manchmal meinen Kameramann. Ich habe ihn immer sehr bewundert. Er hat einige wunderschöne Filme gemacht, keine Frage. Er wollte allerdings immer irgendwas Besseres machen, so was wie "Caligula" für 16 Millionen Dollar... Ich hätte "Caligula" übrigens fast gemacht.

SI: Wat!?!

GD: Yeah, Bob Guccione und ich waren gemeinsam in einer Fernsehsendung. Wir vertraten dieselbe Seite, versteht sich. Nach der Sendung wollte er mich sprechen, aber ich hatte nur noch 30 Minuten, um mein Flugzeug zu erwischen. Wir haben uns dann nicht mehr gesprochen, und bald darauf kam "Caligula"... Ich war ziemlich deprimiert! Bei mir wäre es bestimmt kein so brutaler Film geworden. Es gibt eine fabelhafte Blowjob-Szene in dem Film, die hat Guccione selber gedreht!

SI: Aus der Zeit von "Story of Joanna" stammt ein weiteres, recht harsches Produkt mit Jamie Gillis, "Waterpower".

GD: Der ist nicht von mir.

SI: Huch?

GD: Ich sollte ihn eigentlich machen, aber daraus wurde nichts. Ich mag den Film nicht. Ich habe ihn angefangen, aber habe ihn abgebrochen. Meine Vorstellung davon, was akzeptabel ist und was nicht, hat viel mit dem freien Willen der Agierenden zu tun. Schmerz ist für mich nicht identisch mit Lust. Es ist etwas sehr Persönliches. Ich sah meine Vorstellung von dem Film verletzt. Sex sollte in meinen Augen etwas Spielerisches besitzen, nichts Verletzendes, selbst in sadomasochistischen Bereichen. Ich kann zu dem fertigen Produkt nichts sagen, da ich es vermieden habe. Sie haben meinen Namen benutzt, ich habe Geld eingestrichen - that's all.

SI: Sie haben einige Dokumentationen gemacht.

GD: Die haben mir sehr viel Spaß gemacht. Wir haben versucht, zu zeigen, was sich alles veränderte. Es war alles neu und aufregend. Es gab zum Beispiel dieses junge Ding, das dir einen Gipsabdruck von deinem erigierten Penis machen konnte und daraus eine Statue! Unglaublich! Es gab Live-Sex-Shows, über die wir was gemacht haben... Ich habe auch was über SCREW-Magazine gemacht. Al Goldstein und ich sind immer noch gute Freunde, nach all den Jahren. Wir haben auch was über Schwule gemacht. Damals war es fast unmöglich, etwas über ihre Sichtweise zu erfahren - wir haben es gebracht!

SI: In der Quasi-Dokumentation "Consenting Adults" arbeiten Sie zusammen mit Annie Sprinkle...

GD: Ja, Gottseidank. Die Industrie könnte ein paar mehr Annie Sprinkles sehr gut gebrauchen. Sie ist immer noch sehr wunderbar. Ich habe sie in gewisser Weise in das Geschäft gebracht. Wir haben uns das erste Mal in Tucson, Arizona, getroffen, als ich dort im Zusammenhang mit den "Deep Throat"-Prozessen vorbeikam. Sie war eine Kartenverkäuferin im Kino, das meinen Film zeigte! Ich sagte ihr, wenn sie mal in NYC wäre, solle sie bei mir vorbeischauen... und so war es dann auch. Wir waren sehr, sehr gute Freunde.

SI: Ich habe gelesen, Sie hätten mit verschiedenen Ihrer Darstellerinnen zusammengelebt. Klappte das?

GD: Oh je (lacht). "Verschiedene" - das läßt mich ja geradezu als Casanova dastehen...Nein, für mich war es immer sehr schön, es waren wunderbare Menschen. Man muß es aus der Zeit heraus sehen: Es war damals einfach etwas Besonderes, wenn man am Set eine Frau offen und selbstbestimmt sexuell agieren sah. Es waren außergewöhnliche Menschen. Ich habe mich sehr, sehr häufig verliebt... Man kam den Menschen immer sehr nah, wir haben über die Gefühle gesprochen, Intimitäten, wir haben eine Art innerer Aufrichtigkeit entwickelt, es war immer eine sehr persönliche Angelegenheit. Es ging nicht nur um Sex. Sex ist einfach die wichtigste Sache im Leben, er ist wie Wasser. Aber er ist nur so wichtig, solange du ihn entbehrst. Wenn man ihn hat, braucht man nicht zu lügen, stehlen und betrügen, um ihn zu bekommen, verstehen Sie? Es entstehen in der Beziehung einfach andere Prioritäten.

SI: Sie sind verheiratet?

GD: Nicht einfach verheiratet, ich bin seit 15 Jahren absolut monogam. Ich habe meiner wundervollen Frau geschworen, keiner anderen Frau schöne Augen zu machen, und so war es dann auch. Sie arbeitet mit mir an meinen Filmen, als Assistent.

SI: Sie haben einen Puppenfilm gemacht...

GD: Ähem, ja. Wir hatten den Titel des Musicals, "Let My People Come", das Georgina erst machen wollte. Ich weiß nicht, woher der wahnwitzige Einfall kam, aber der Film hieß dann "Let My Puppets Come"! Damals traf ich diese Gruppe von Puppenspielern... Ursprünglich entstand der Film als Second Feature zu einer Wiederveröffentlichung von "The Story of Joanna". Dieser lief nämlich irgendwo 42nd-Street-Broadway, 8 Monate lang, und der Film, den sie als Second Feature dazugestellt hatten, war einfach ein Witz, eine Beleidigung der Zuschauer. Also sagte ich, ich drehe meinen eigenen Begleitfilm. Was dabei herauskam, war sehr komisch, aber leider hat der Verleih den Film als Damiano-Pornofilm beworben, und das ist er, wie man sich vielleicht vorstellen kann, nur sehr bedingt! Er wurde deswegen vielfach beschnitten, und das ist sehr schade! Einer der Schauspieler hatte später sogar seine eigene Fernsehshow, in der er mit seiner Puppe, "Madam", aufgetreten ist. (Lief bei uns im Kabel. A.d.A.)

SI: Es gibt noch einen Film, über den ich gerne was wüßte: Die Fortsetzung zu "The Satisfiers of Alpha Blue"...

GD: Film und Fortsetzung sind zwei verschiedene Welten, in diesem Fall. "The Satisfiers" war ein richtiger Film, 35 mm Farbe, mit allem, was so dazugehört. Der Käufer der Videorechte fragte mich, ob ich ihm eine Fortsetzung drehen könnte. Zu der Zeit hatte aber Film im Pornogenre aufgehört zu existieren. Alles wurde auf Video gemacht, innerhalb jener gewissen Formulaisierung, was gezeigt wurde, wie es gezeigt wurde usw. Und in diesem Sinne wurde der Film gemacht, als Low-Budget-Video...

SI: Haben Sie etwas gegen Video?

GD: Grundsätzlich nicht. Man sollte niemals den Maschinen die Schuld geben. Ich bewundere Video als Medium. Wenn es nur ordentlich genützt würde, was leider nicht der Fall ist. Die Möglichkeiten waren fantastisch: Wenn ich früher meine Filme geschnitten habe, so saß ich für gewöhnlich etwa 4 bis 5 Monate daran! Mit dem heutigen Videoequipment dauert das Ganze etwa 2 Wochen! Fantastisch! Das Problem ist nur, es ist einfach ZU leicht, damit umzugehen. Jeder kann es, einfach jeder. Und jeder machte es. Die Budgets gingen bergab, der eine machte es billiger als der andere, und jetzt sind die Filme so schlecht, daß die Zuschauer anfangen, auf Amateurtapes auszuweichen. Bei denen besteht wenigstens die kleine Chance, daß man etwas Überraschendes in ihnen findet...

SI: Was haben Sie in der letzten Zeit gemacht?

GD: Oh, einige Videos für italienische Produzenten. Das hat mir wieder vor Augen geführt, warum ich so selten arbeite. Es ist so: Jeder kriegt viel Geld. Die Schauspieler, die Kameraleute, die Cutter, alle. Nur für den Film selber ist nichts mehr da. Irgendwas muß darunter leiden. Also versucht man, einen ganzen Film an einem Tag abzudrehen. Das Resultat kann nicht überzeugen. Mir liegt das nicht. Die Italiener schienen mir etwas einigermaßen Anständiges produzieren zu wollen, deswegen habe ich mich bereit erklärt. Aber auch da war diese gnadenlose Vorgabe, diese Formelhaftigkeit, eine Seelenlosigkeit. Nicht meine Arbeitsweise.

SI: Haben Sie Hoffnungen für den Pornofilm?

GD: Die meisten Fehler in meinem Leben waren auf der Tatsache begründet, daß ich große Hoffnungen hatte.

SI: Man könnte also sagen, daß Sie desillusioniert sind?

GD: So könnte man sagen (lacht aber dazu).

SI: Besten Dank, Mr.Damiano!

Erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift "Splatting Image" im Jahre 1993.

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