Dienstag, 21. Dezember 2010
Ein paar Grußworte...
cjamango, 01:20h

Mein Name ist Christian Keßler. Vor 42 Jahren wurde ich in Bremen geboren, und bis zum heutigen Tag fühle ich mich auch als waschechtes Nordlicht, wenngleich mich die Strömung nach Gelsenkirchen gespült hat. Vor einigen Jahren war das mal „in“, nach Gelsenkirchen zu ziehen. Zumindest hat mir das ein nackter, alter Mann gesagt, den ich mal im Steintorviertel getroffen habe. Da ich grundsätzlich jeden Quatsch glaube, bin ich nun also hier. Tja.
Ich fange noch einmal an: Mein Name ist Christian Keßler, mein Alter tut nichts zur Sache. Solange ich mich zurückerinnern kann, interessiere ich mich für Filme. Schon während meiner Studienzeit geriet ich auf die schiefe Bahn und steuerte eine Karriere als Filmjournalist an. Das hat man sich in etwa so vorzustellen wie in dem einen Monty-Python-Sketch, wo Michael Palin zum Arbeitsamt geht und dem freundlichen Beamten John Cleese von seinem Wunsch erzählt, ein Löwenbändiger zu werden. Wer den Sketch nicht kennt, sollte ihn sich unbedingt ansehen. Wer ihn nicht kennt, darf aber trotzdem weiterlesen.
Jetzt habe ich wieder den Faden verloren... Also, ich schreibe schon seit über 15 Jahren für ein Berliner Filmmagazin namens „Splatting Image“. Nicht nur die Aussicht auf üppigen Reichtum hieß mich der Publikation treu bleiben, sondern vor allem die Nettigkeit ihrer Betreiber. Ich machte nebenbei so dieses und jenes. So war ich beteiligt an einem englischsprachigen Buch über den spanischen Regisseur Jess Franco und war auch „Line Producer“ an einem seiner Filme. (Das sind jene Leute, denen man unbedingt einen Vorspanncredit geben muß, obwohl sie eigentlich zu nichts nütze sind. Leute halt, die Linien produzieren. Aber immer noch besser als Kaffeebursche bei AVATAR!) Ich schrieb zwei Bücher. Die waren auch ziemlich gut. Ich sang in einer Amateur-Punkband. Die Jahre zogen ins Land und gruben sich erbarmungslos in mein Gesicht.
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Seufz. Warum ein Pornobuch? Und noch einmal seufzen die vernünftigen Leute. Sexfilme – nun gut, räumen die vernünftigen Leute ein. Das kann man heutzutage ja durchaus schon machen, denn „Trashfilme“ sind ja schwer „en vogue“. Nun ist es an mir, zu seufzen, denn ich fühle mich gewaltig mißverstanden. Ich finde es nämlich sehr banal, sich über sogenannten „Trash“ zu belustigen. Das setzt meistens nämlich eine herablassende und hochfahrende Gesinnung voraus. Filme, die auf sympathische Weise mißlungen sind, finde ich gut. Nehmen wir Ed Wood. Der wurde von hochtrabenden Affen zum schlechtesten Filmemacher aller Zeiten gekürt. Was für ein Blödsinn! Hochtrabender Stuß! Ed Wood hat es zumindest versucht, sein ganz eigenes Kino zu erschaffen. Wenn er trotz ehrlichen Bemühens daran gescheitert ist, so ist dies allenfalls verwerflich im unsympathischen Hochleistungs-Land, wo die Affen hektisch nach den Bananen grabschen und gackern. Wo nur der Gewinner bejubelt wird, nicht aber der gestrauchelte Zyklop. Da ich gerne etwas ölig rede, schrieb ich mal etwas vom Gold im Herzen Quasimodos. Ich fand das ganz treffend formuliert! Ein andermal schrieb ich davon, daß man den Mut haben müsse, das Lustiggemeinte ernstzunehmen, damit man das Ernstgemeinte lustig finden darf. Zwanghafte Dauerironiker sind nämlich der letzte Krach.
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Zurück zum Pornobuch. Sex fand ich schon immer sehr spannend. Was mir vor allem gefiel, waren die unzähligen Widersprüche, die für gewöhnlich mit ihm verknüpft sind. Die menschliche Natur ist eine fürchterlich komplizierte Sache, Sex aber eigentlich überhaupt nicht. Warum haben so viele Leute vor einer so schönen und grundsätzlich unkomplizierten Sache wie Sex nur solch eine Angst? Im Idealfall ist Sex ein Überbordwerfen der ganzen im Erwachsenenalter antrainierten Meinungen, Vorurteile, Kompliziertheiten. Man kehrt in gewisser Weise in seine Frühzeit zurück, wird zum Spielkind, macht und tut das, was sich gut anfühlt. Im Fahrstuhl wollen die Kinder ja auch immer auf den Knopf drücken. Einen Orgasmus kann man sich jederzeit selbst herbeialchemisieren. Was man alleine nicht hinbekommt, ist das Gefühl, mit einem anderen wortlos verbunden zu sein, wortlos eins mit ihm zu sein, sich wirklich fallen lassen zu können, wie man so schön sagt. Körperteile, die bei ungünstigem Lichte betrachtet aussehen wie radioaktives Gemüse aus dem Weltall (W. Moers), werden auf einmal zur schönsten Sache der Welt! Schildkrötenhälse aller Länder, vereinigt Euch! Wenn man die Natur läßt, dann tut sie ganz automatisch. Der blöde Kopf ist es, der widrigenfalls dazwischenfunkt. Ein gestörtes Sexualleben – ob allein, ob zu zweit – führt zur Denaturierung, und dann kann man eigentlich nur noch Politiker werden oder sogar religiöser Fundamentalist. Schrecklich!
Es ist überaus verwunderlich – sagte ich mir bereits als Dreikäsehoch – daß dieses Thema – SEX! – im Laufe der Filmgeschichte so stiefmütterlich behandelt worden ist. Verbal kann man sich intensiven Gefühlen bestenfalls annähern. Es gibt große Gedichte, aber keines entspricht wirklich den Gefühlen beim ersten Sprung vom Zehnmeterbrett. Sexuelle Fantasien sind meistens explizit. Nicht nur bei Männern. Das ist auch bei den meisten Frauen nicht anders gewesen, mit denen ich im Laufe meines Lebens darüber gesprochen habe. Von außen betrachtet werden explizite sexuelle Fantasien aber meistens banal. Ein Skrotum mutig und gipfelstürmerisch vor die Kameralinse baumeln zu lassen, ist nicht erotisch, sondern schrumpelig und im Weg. Ein bezugloser Penis, eine desorientierte Vagina, losgerissen von jedem tieferen Zusammenhang – eine traurige Pantomime, ein Stilleben des Grauens. Erfolgreich sein kann nur der Erotizist, der es schafft, die sexuellen Fantasien seines Publikums in Gang zu setzen. Das kann durch eine ausgeklügelte Geschichte passieren. Aber auch eine intensiv geschilderte Situation mit gut beobachteten Details kann die Fantasie beflügeln und auf die Spielwiese katapultieren. Wenn man überwältigt wird, ist es schon zu spät. Manch einer wird leicht überwältigt. Ein anderer sperrt sich nach Leibes- und Geisteskräften.
Die kommerzielle Verwertung von sexuellen Abbildungen, sprich: Pornographie, war spätestens seit der Errichtung der zahlreichen Schamzonen eine ausgesprochen verkrampfte Angelegenheit. Wer sich daran verlustierte, galt als Ferkel, wer sich daran beteiligte, als Schwein oder Sau. Oink! Im wirklichen Leben läuft das dann meistens so ab, daß Männer, die viele Frauen haben, als tolle Hechte gelten, Frauen, die viele Männer haben, als Schlampen. Ist schon irgendwie putzig, oder? Und ziemlich idiotisch, nicht wahr? Die Errichtung der Schamzonen war nicht zuletzt eine Leistung der Kirche, und in alten Zeiten mochten solche für mein Empfinden äußerst bizarren Anschauungen ja sogar familienbewahrende Werte besitzen. Aber heute? Was soll man mit Scham, mit Schuld, dem ganzen Zinnober? Dem Quatsch, der einem von frühauf eingetrichtert wird? Immer schön Leistung bringen, den Staat tragen, die Familieneinheit stützen, jau! Sex ist Auflösung von solchen Strukturen, ist die Loslösung von Fesseln, die kein Mensch heutzutage noch braucht. Sex ist subversiv, Sex ist freigestalt und schrankenlos. Was zwei erwachsene Menschen miteinander treiben, geht nur die beiden etwas an. Wenn beide es wollen, wenn beide es genießen, ist es gut, Punkt! Ferkelkram gibt es nicht, genausowenig wie Dackel mit Flügeln. Und, nur damit ich nicht mißverstanden werde: An Konsensualität kommt man natürlich nicht vorbei – das ist die einzige Grenze, die man hochnotpeinlich zu beachten hat, so man kein Depp ist!
Die sexuelle Kunst war der Kirche schon immer zu großem Dank verpflichtet: Ohne all die schönen Tabuzonen, Grenzbereiche und schuldigen Vergnügungen wäre das Spiel mit dem Feuer zwischen den Beinen doch immer sehr öde gewesen. Auch ich fand den Pornosektor früher, als man noch so richtig schön schlüpfrige Regenmantelträgerecken in den Videotheken hatte, viel reizvoller. All der verklemmte Kokolores gab den Besuchen in solchen moosigen Winkeln immer etwas regelrecht Verruchtes. Wenn man heutzutage in einen Sexshop geht, dann erwartet man fast, daß Guido Westerwelle an der Kasse steht und einen angrinst. Oder Harald Schmidt.
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Neue Pornofilme geben mir nicht viel. Ich kenne mich da auch eingestandenermaßen nicht so aus. Für mich stand von Anfang an fest, daß ich mein Buch über die wilden 70er Jahre machen wollte, als die Herstellung solcher Filme noch richtig riskant war, als die Fantasien, die sie reproduzierten, noch voller sinistrer Schatten aus den Speckecken der menschlichen Seele waren. Mich interessieren die Filme, die noch auf richtigem Filmmaterial gedreht wurden. Das ist nämlich der wahre Jakob. Als Video das Produktionsmedium Nummer 1 wurde, konnte auf einmal jeder Depp Filme machen, und jeder Depp tat das dann auch. Die Pornoindustrie ist so nachfrageabhängig und somit wankelmütig wie kaum eine andere Sparte des Filmgeschäfts. Die alten Filme wandern ratzfatz in die Mülltonne. Neuer Müll wird herbeigeschaufelt, und wenn man nur flugs abfilmt, wie Witwe Bolte mit dem Briefträger höckert, so findet auch das seinen Markt. Je billiger die Produktion, umso höher der Gewinn. Daß auf dieser Grundlage Kreativität (auch sexuelle Kreativität) kaum eine Chance hat, versteht sich von selbst. Mir ist völlig klar, daß es auch heutzutage hervorragende Handwerker gibt (hinter der Kamera!), aber ich habe irgendwann mein Interesse verloren. Viel spannender finde ich diese alten Sachen, die häufig in irgendwelchen halbseidenen Ministudios oder Absteigen produziert wurden. Viele der Regisseure, die sich dort betätigten, wollten eigentlich „richtige“ Filme machen, machten sie im Einzelfall auch später. Die Darstellerinnen und Darsteller hatten alle ihre eigenen Motive für die Teilnahme an solchen Filmen. Wenn Geld das einzige Motiv war, konnte man das in der Regel nicht lange machen. Das bestätigten mir zumindest jene, mit denen ich darüber gesprochen habe. Ich war übrigens wirklich baff, wie interessant und meistens auch intelligent diese Leute waren. Es war schon gut, mit Leuten zu reden, deren Erfahrungen gut 30 Jahre zurücklagen, die längst eine andere Lebensbahn eingeschlagen hatten.
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Mit meinem Buch möchte ich keine moralische Bewertung über die Herstellung solcher Filme abgeben. Das verhielt sich ohnehin von Produktion zu Produktion äußerst unterschiedlich. Die Filme wurden in einer Zeit hergestellt, als es gelebtes Desperadotum war, solche Filme zu machen. Wer immer es tat – er oder sie stellte sich abseits der Konvention, der gesellschaftlichen Übereinkunft. Es war lange vor HIV und Internet. Was ich heutzutage im Internet finde, ist teilweise absolut widerwärtig. Für viele mögen manche der in den alten Filmen dargestellten Fantasien unbekömmlich sein, aber sie wurden innerhalb eines sehr überschaubaren Kreises von Darstellern hergestellt. Man war darauf angewiesen, seinen jeweiligen Partner gut zu behandeln, denn schon bald konnte man mit ihm wieder zusammenarbeiten, und kein Regisseur ist daran interessiert, Ärger am Set zu haben. Hier erwies sich die profitorientierte Denkweise ausnahmsweise mal als positiv, denn Zeit ist Geld. Wer Ärger macht, kostet Geld und fliegt raus, ratzfatz. Und die Frauen waren das Kapital dieser Filme – keiner der männlichen Zuschauer interessierte sich für die Kerle! Im Internet der Gegenwart wird auf manchen Seiten die Verletzung der Frau – nicht der Figur, die die Frau spielt, sondern der Darstellerin selbst – zum eigentlichen Motiv. Das eine ist eine Fantasie, das andere Körperverletzung. Ich bin kein großer Freund davon, daß jeder 12-Jährige mit Internetzugang sich solch einen ekelhaften Dreck anschauen kann. Das Internet hat die Pornographiedebatte jedenfalls völlig überholt. Vielleicht steuern wir auf der Grundlage dieser Auswüchse wieder direktemang in einen neuen Puritanismus hinein. Dabei sind diese Abartigkeiten eine direkte Folge der Denaturierung, die der alte Puritanismus angerichtet hatte...
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Kurzum, in meinem Buch polemisiere ich natürlich auch etwas, wenngleich es mein Ziel war, ein möglichst trockenes, filmhistorisch bedeutsames Werk zu schreiben! Mit meinem Versagen muß sich die Welt nun anfreunden, so leid es mir tut... Da das Buch ziemlich lang geraten war, flogen einige Rezensionen in hohem Bogen heraus. Da mir die Rezensionen leid taten und ich keine Texte weinen sehen kann, entschloß ich mich zu diesem Blog. In den letzten Monaten schaute ich mir erstmals seit fast 10 Jahren wieder „solche“ Filme an. Da ich zur Maßlosigkeit neige, versackte ich im Pornosumpf, und so schlossen sich zahlreiche neue Rezensionen an, nahmen die alten Rezensionen bei der Hand und bildeten den Korpus dieser Begleitveröffentlichung. Ich möchte darauf hinweisen, daß dieser Blog nicht als alleinstehendes Werk gedacht ist. Er hat eine denkbar freie Form, und vieles, was darin steht, bezieht sich auf Dinge, die im Buch zu lesen sind. Die besten Filme habe ich natürlich dem Buch vorbehalten, und viele Infos finden sich ebenfalls nur dort – ich bin doch nicht larry! In den nächsten Wochen werde ich verschiedene Interviews exhumieren, die früher mal in der SI erschienen sind. Auch habe ich bereits einige neue Interviews in der Mache. Ich habe nach besten Kräften versucht, meinen Schreibstil den Gepflogenheiten des Internets anzupassen. Hier und da mögen einige Zoten aus mir herausgebrochen sein, aber im wesentlichen meide ich Schweineigeleien und Kasernenhumor. Einige Filme, die mir bedenklich schienen, habe ich komplett verbannt, da sie mir wie am 18.4. Geborene erschienen. Bei den Abbildungen beschränke ich mich aus jugendschutzrechtlichen Gründen ebenfalls weitestgehend auf Plakatmotive, die denn ja auch meistens in Tageszeitungen etc. zu finden waren.
Liebe Leserin, lieber Leser: Weide Dich an meinem Versagen, ein seriöses Buch über ein unseriöses Thema zu schreiben! Das Buch wird Anfang Januar endlich (!) zur Verfügung stehen, und bald darauf startet eine Präsentationstour quer durch Deutschland, auf die ich mich schon sehr freue.
Erneut: Wohlsein!

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